Rehabilitation wurde in der Vergangenheit in der Bundeswehr und dem Sanitätsdienst eher stiefmütterlich behandelt. Jetzt stehen wir hier auf einem der größten Symposien zur Rehabilitation, das Deutschland zu bieten hat. Was hat sich geändert?
Der erste und wichtigste Schritt, den der Sanitätsdienst gemacht hat, war zu verstehen, dass Rehabilitation die Grundvoraussetzung dafür ist, die Fähigkeiten, Ausbildungen und Erfahrungen von gut ausgebildeten Soldaten für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr bei uns im System zu halten. Dies stimmt darüber hinaus auch sehr gut mit dem Fürsorgegedanken überein. Wir haben verstanden, dass wir dafür auch eine eigene Expertise in der Bundeswehr brauchen, denn bis dahin hatten wir uns fast ausschließlich auf den zivilen Bereich verlassen. Mit den Überlegungen zur Landes- und Bündnisverteidigung rückte Rehabilitation dann mehr und mehr in den Fokus.

Der nächste große Schritt war dann die enge Kooperation mit den Berufsgenossenschaftlichen Kliniken (BG-Kliniken), die ja – genau wie der Sanitätsdienst auch – die gleiche Grundidee verfolgen: Nämlich, dass Menschen, bei denen durch eine schwere Verletzung oder durch eine Erkrankung ihre Berufsfähigkeit – in unserem Fall die Dienstfähigkeit – bedroht ist, für das System, aber vor allem für sich selbst und für ihre Familien wieder eingegliedert werden. Dieser gemeinsame Grundsatz ist das Fundament für die übergreifenden Behandlungsmöglichkeiten von Bundeswehr und Berufsgenossenschaften. So können beispielweise auch Soldatinnen und Soldaten die Komplexe Stationäre Rehabilitation (KSR) der BG-Kliniken nutzen. Der Kongress hier in Duisburg ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Zeichen dafür, dass Bundeswehr und Berufsgenossenschaft bereits im Frieden gut zusammenarbeiten und sich gleichzeitig auch gemeinsam auf Krise und Krieg vorbereiten.
Das wäre jetzt das nächste Stichwort: Krise und Krieg, Landes- und Bündnisverteidigung. Das ist ja der Grund, warum Rehabilitation mehr in den Fokus rückt. Bestimmte Schritte sind schon gegangen worden – wo ist denn die Zielmarke? Wo möchte der Sanitätsdienst hin, wenn wir an Rehabilitation innerhalb eines Szenarios der Landes- und Bündnisverteidigung denken?

Nicht nur der Sanitätsdienst, sondern das gesamte Gesundheitssystem muss sicherstellen, dass eine Vielzahl von zivilen oder militärischen Verletzten beziehungsweise Verwundeten nicht nur in Akutkliniken gut versorgt wird – denn da haben wir schon sehr gute Strukturen. Sondern die Problematik besteht derzeit noch darin, dass wir wissen, dass bereits jetzt im Frieden nur wenige der schwerverletzten Menschen in eine geeignete Rehabilitationseinrichtung kommen. Das liegt an formalen und strukturellen Gründen. Man nennt das auch einen Reha-Bruch. Bei Menschen, die dann statt in einer geeigneten Reha-Einrichtung in einer Kurzzeitpflege oder auch in einer häuslichen Pflege landen, kann ihr individuelles Rehabilitationspotential nicht gehoben werden. Der Sanitätsdienst kann, gerade vor dem Hintergrund von Krise und Krieg, schon jetzt dazu beitragen, dass auch solche Schwächen im Rehabilitationssystem im Frieden erkannt und dann systematisch in einem gemeinsamen Wirken hoffentlich behoben werden.
Wer entscheidet denn zukünftig, wie die Rehabilitation von Soldatinnen und Soldaten erfolgt?

Die Steuerung des Rehabilitationsprozesses muss auch in der Zukunft gemeinsames geschehen, da es ja unterschiedliche Phasen gibt. Letztendlich ist es eine besondere Schwelle, wenn Soldatinnen und Soldaten wieder in unser eigenes System zurückkommen und weiterbetreut werden. Denn: So gut auch der zivile Sektor mit uns zusammenarbeitet und auch in Zukunft zusammenarbeiten will – die Begutachtung und Entscheidung für eine weitere Verwendung in den Streitkräften kann nur durch den Sanitätsdienst getroffen werden. Wir können voneinander lernen und versuchen bereits mit Nachdruck, die Prozesse, die dafür erforderlich sind – zum Beispiel in der Kommunikationsübermittlung oder auch grundsätzliche Fragen der Begutachtung – vorsorglich zu planen und zu beschreiben.
Mit Blick auf den Rehabilitationsprozess befinden sich in Deutschland in großen Teilen Menschen in Rehabilitation, die an den typischen Erkrankungen einer Wohlstandsgesellschaft leiden. Wenn wir an eine kriegerische Auseinandersetzung denken, haben wir ganz andere Verletzungsmuster und vermutlich auch eine andere Klientel, die in die Rehabilitation geht. Wie muss man sich darauf vorbereiten?
Sowohl im zivilen als auch im sanitätsdienstlichen Kontext fassen wir das als Trauma-Rehabilitation zusammen. Es ist tatsächlich so, dass das deutsche Rehabilitationswesen naturgemäß nicht auf eine solche Anzahl von Schwerstverletzten vorbereitet ist. Das ist ja der Grund, warum jetzt nur ein geringer Prozentsatz von Schwerverletzten in eine geeignete Einrichtung kommt. Aktuell ist die orthopädische und neurologische Rehabilitation zu einem sehr großen Anteil auf chronischen Erkrankungen im neurologischen oder orthopädischen Bereich fokussiert. Natürlich richtet sich ein System nach den hauptsächlich anfallenden Diagnosen und der zugehörigen Patientenklientel aus.

Und die Frage, die wir uns jetzt stellen, ist folgende: Was genau würde passieren bei Modellen, die wir betrachten müssen – mit bis zu 1.000 Verwundeten am Tag, wobei zivile Opfer noch gar nicht mit eingerechnet sind? Wie würde dieses System auf diese völlig veränderte Art von Pflege und damit von Rehabilitation mit komplexen physiotherapeutischen und von Management-Maßnahmen, die erforderlich sind, um wieder Teilhabe zu ermöglichen, reagieren können? Ich spüre aber, dass wir auf einem sehr guten Weg sind und es ist nicht so, dass wir im zivilen Gesundheitssektor kein Verständnis finden. Ganz im Gegenteil: Die Kliniken oder die Träger der Kliniken sehen ganz genau, dass sie sich mit dieser Problematik auseinandersetzen müssen, weil sie damit im Ernstfall konfrontiert werden.
Wenn Sie sich wünschen dürften, welche Schritte man als Nächstes in die richtige Richtung unternehmen wird, welche Schritte wären das?
Ich wünsche mir, dass die Entwicklung, wie sie in den letzten Jahren im Sanitätsdienst stattgefunden hat, kontinuierlich weitergeht. Dass wir es schaffen, die Reha-Stützpunkte und die Kompetenzzentren für Rehabilitation in der Bundeswehr – also das Psychotraumazentrum in Berlin und das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf – weiter mit dem zivilen Gesundheitssystem vernetzen. Um dann die Herausforderungen wie die Hilfsmittelversorgung im Konfliktfall und die Kommunikation untereinander gemeinsam meistern zu können.

Und das sind Aufgaben, die wir schnell erledigen müssen. Ich sehe im Moment beste Voraussetzungen dafür. Ich hoffe, dass ich das in der mir verbleibenden Dienstzeit noch so gut unterstützen kann, dass ich sagen kann: Wir haben es vorangebracht – weil es Sinn macht! Und das ist etwas, das ich als Sanitätsoffizier wirklich zu schätzen weiß: Dass das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr an einer Aufgabe mitarbeiten darf, die Sinn macht und bereits jetzt im Frieden dabei mithelfen kann, Defizite zu beheben.
